Provider forcieren den Kriechgang

9. Februar 2014

Ame­ri­ka­ni­sche Tel­e­com- und Ka­bel­kon­zer­ne hin­ter­trei­ben die Netz­neu­tra­li­tät und ver­lang­sa­men den Da­ten­fluss

Von Mar­tin Su­ter, Sonn­tags­zei­tung

Was ist nur mit un­se­rem In­ter­net­an­schluss los? Die­se Fra­ge stell­te sich En­de Ja­nu­ar der Chef von Iscan On­line, ei­ner te­xa­ni­schen Fir­ma für Da­ten­si­cher­heit auf Han­dys. Die einst schnel­le Netz­ver­bin­dung über ei­ne Glas­fa­ser­lei­tung funk­tio­nier­te nur noch im Schne­cken­gang.

Der An­ge­stell­te Da­vid Ra­pha­el ging dem Rät­sel auf den Grund. Das Er­geb­nis sei­ner Re­cher­che war letz­ten Mitt­woch ein viel be­ach­te­ter Blog-Ein­trag, der die schlimms­ten Be­fürch­tun­gen von In­ter­net­ken­nern zu be­stä­ti­gen schien: Es sah so aus, als ha­be der US-In­ter­net­pro­vi­der Ve­ri­zon die Netz­ver­bin­dung von Iscan On­line ab­sicht­lich ver­lang­samt.

Bei sei­nen Tests mass Ra­pha­el nach 16 Uhr nach­mit­tags ei­nen Da­ten­durch­fluss von bloss 40 Ki­lo­bit pro Se­kun­de, was nicht ein­mal Breit­band­ni­veau ent­spricht. Frü­her und zu an­de­ren Ta­ges­zei­ten hat­te die Ge­schwin­dig­keit 5000 kbps be­tra­gen. Der Blog­ger stell­te den Kriech­gang al­ler­dings nur bei Da­ten aus der Cloud von Iscan On­line und beim Strea­m­ing von Net­flix-Pro­gram­men fest.

Auf ei­nem Bild macht sich ein Ske­lett über die Welt her

Er re­cher­chier­te wei­ter und er­hielt in ei­nem Sup­port-Chat die Be­stä­ti­gung ei­nes Ve­ri­zon-Mit­ar­bei­ters, dass Cloud-Diens­te ver­lang­samt wor­den sei­en. Jetzt war ihm klar: «Hier führt Ve­ri­zon Krieg ge­gen Net­flix.»

Stimmt die Ge­schich­te, dann ist sie ein ers­tes Bei­spiel da­für, dass im Ti­ta­nen­kampf um Netz­neu­tra­li­tät (sie­he Kas­ten) die ame­ri­ka­ni­schen Ser­vice­pro­vi­der ge­gen die In­halts­an­bie­ter in die Of­fen­si­ve ge­hen. Ge­nau das wird er­war­tet, nach­dem die Tel­e­com- und Ka­bel­kon­zer­ne Mit­te Ja­nu­ar vor ei­nem Be­ru­fungs­ge­richt ei­nen Sieg er­run­gen ha­ben. Im Ver­fah­ren Ve­ri­zon vs. Fe­deral Com­mu­ni­ca­ti­ons Com­mis­si­on (FCC) sprach der Rich­ter in Wa­shing­ton der Fern­mel­de­kom­mis­si­on das Recht ab, den In­ter­net­pro­vi­dern ei­ne neu­tra­le Be­hand­lung al­ler Da­ten auf dem Netz vor­zu­schrei­ben.

Nun dür­fen Ve­ri­zon, AT & T, Com­cast und die an­de­ren Netz­an­bie­ter in den USA nach ei­ge­nem Gut­dün­ken ge­wis­se Da­ten­strö­me aus­brem­sen oder für be­stimm­te In­halts­an­bie­ter Ex­tra­ge­büh­ren ver­lan­gen. Die neue Ge­stal­tungs­frei­heit er­hal­ten sie dank des Ur­teils nicht nur im Mo­bil­funk­be­reich, wo schon vor­her we­ni­ger en­ge Vor­schrif­ten gal­ten, son­dern auch für ih­re Fest­netz­diens­te.

Wenn das Land, wo das In­ter­net er­fun­den wur­de, die Tür zur Pro­vi­der­will­kür öff­net, nimmt das der Rest der Welt zur Kennt­nis. «Das hat si­cher ne­ga­ti­ve Vor­bild­funk­ti­on», sagt der grü­ne Na­tio­nal­rat Bal­tha­sar Glätt­li. Der Zür­cher will in der Schweiz die Netz­neu­tra­li­tät ge­setz­lich ver­an­kern (sie­he Ar­ti­kel un­ten). Da­von sind die USA noch weit weg. «Es wird schlim­mer wer­den, be­vor es sich bes­sert», schreibt Ni­lay Pa­tel auf The­ver­ge.com über dem Bild ei­nes Ske­letts, das sich über ei­ne Welt­ku­gel her­macht.

Die Tel­cos und Ka­bel­kon­zer­ne ge­ben an, sie wür­den ih­re ei­ge­nen In­ter­net­diens­te nicht be­vor­zu­gen. In der Ver­gan­gen­heit ha­ben sie je­doch wie­der­holt zu dis­kri­mi­nie­ren ver­sucht: 2007 brems­te Com­cast den Peer-to-Peer-Dienst Bit­tor­rent aus. 2010 blo­ckier­te Ve­ri­zon Sky­pe-Ge­sprä­che auf dem mo­bi­len Da­ten­netz, und 2012 ver­such­te AT & T, ge­wis­se Han­dy­nut­zer von App­les Fa­ce­time-Vi­deochat aus­zu­schlies­sen.

In man­chen die­ser Fäl­le muss­te die FCC ein­sprin­gen - das könn­te sie jetzt nicht mehr. Aber wo­mög­lich er­hält die US-Fern­mel­de­kom­mis­si­on die­se Mög­lich­keit zu­rück. Das Ge­richts­ur­teil dreht sich nur um die ju­ris­ti­sche Fra­ge nach ih­rer recht­li­chen Kom­pe­tenz. Es wür­de rei­chen, wenn die FCC die An­bie­ter der Netz­ver­bin­dung zu End­kon­su­men­ten als «com­mon car­ri­ers» - all­ge­mei­ne Si­gnal­trä­ger - de­fi­nie­ren wür­de. Dann hät­te die Kom­mis­si­on das Recht, ih­nen die neu­tra­le Gleich­be­hand­lung al­ler Da­ten vor­zu­schrei­ben.

«Sie wol­len uns on­line an der frei­en Re­de hin­dern»

Das wird in­des nicht ein­fach zu er­rei­chen sein. Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma hat sich zwar wie­der­holt für das Prin­zip der Netz­neu­tra­li­tät aus­ge­spro­chen. Laut Um­fra­gen be­trach­tet ei­ne gros­se Mehr­heit von In­ter­net­nut­zern den Netz­zu­gang als Grund­ser­vice wie Elek­tri­zi­tät. Doch Tel­cos und Ka­bel­kon­zer­ne ver­fü­gen in Wa­shing­ton über ei­ne rie­si­ge Lob­by­macht. Des­we­gen hat ein «Net-Neu­tra­li­ty»-Ge­setz, wie es De­mo­kra­ten im US-Kon­gress ver­gan­ge­ne Wo­che vor­schlu­gen, im re­pu­bli­ka­nisch do­mi­nier­ten Re­prä­sen­tan­ten­haus kei­ne Chan­ce.

«Nur die Stim­me des Vol­kes kann den Ein­fluss der In­dus­trie auf­wie­gen», sagt Josh Le­vy von der Or­ga­ni­sa­ti­on Free­press. Ei­ne Pe­ti­ti­on an die FCC sei auf Free­press.net in zwei Wo­chen von über ei­ner Mil­li­on Men­schen un­ter­zeich­net wor­den. Zu­sam­men mit an­de­ren ver­an­stal­tet Le­vys Or­ga­ni­sa­ti­on nächs­ten Diens­tag ei­nen glo­ba­len «Day of Ac­tion». Er rich­tet sich zwar pri­mär ge­gen die Mas­sen­schnüf­fe­lei der US-Ge­heim­diens­te. Doch die zwei Kam­pa­gnen sei­en ver­wandt, sagt Le­vy. «In bei­den Fäl­len kom­men die Kräf­te der In­dus­trie und des Staats zu­sam­men, um uns an der frei­en Re­de on­line zu hin­dern.»

Ge­mein­sam ist den zwei An­lie­gen auf je­den Fall, dass sie noch längst nicht ver­wirk­licht sind.

Ob ge­gen Da­ten­schnüf­fe­lei oder für Netz­neu­tra­li­tät: Der Kampf um das freie In­ter­net hat eben erst be­gon­nen.

Webauftritt gestaltet mit YAML (CSS Framework), Contao 3.5.27 (Content Management System) und PHPList (Newsletter Engine)

Copyright © 2006-2025 by grundrechte.ch