Agentenkrimi um Schweizer Spion: Ein Schauspiel zwischen Posse und Staatsaffäre

7. Mai 2017

Henry Habegger, Schweiz am Wochenende

Keiner weiss, wie das Stück um den Schweizer Spion Daniel M. ausgehen wird. Es ist nicht mal klar, wer Regie führt.

Markus Seiler, Chef des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB), meldete sich am Freitag per E-Mail bei dieser Zeitung. Er war erbost über einen Kommentar und deutete an, dass sich Einschätzungen um den Spion Daniel M.* als «haltlose Spekulationen» erweisen könnten. Auf Nachfrage aber schweigt der Chef des NDB: Amtsgeheimnis.

Bedauerlich, denn Seiler könnte wohl einiges zur Klärung der Geschichte um den 54-jährigen M. beitragen. So aber bleibt der Agentenkrimi um den angeblichen Schweizer Spion in Deutschland vorderhand ein Mysterium zwischen Posse und Staatsaffäre.

Schwerwiegendes ist passiert, wenn es nach Deutschland geht. Aus Protest hat das dortige Aussenministerium die Schweizer Botschafterin in Berlin, Christine Schraner Burgener, einbestellt. Und der Haftbefehl gegen Daniel M. klagt dramatisch an: «Der Beschuldigte wird dringend verdächtigt, vom 1. Januar 2012 bis mindestens 31. Dezember 2015 gemeinsam mit weiteren bislang unbekannten Personen für den Geheimdienst einer fremden Macht eine nachrichtendienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland ausgeübt zu haben.»

Der Auslöser der Krise schweigt. Er sitzt seit gut einer Woche in Karlsruhe in Haft, mit Aussicht auf fünf Jahre Gefängnis. Die Deutschen werfen ihm vor, deutsche Steuerfahnder ausspioniert und deren Namen dem Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber geliefert zu haben. Lauber, als ehemaliger Geschäftsführer des Liechtensteiner Bankenverbandes selbst ein Mann des Finanzplatzes, erliess 2012 medienwirksam Haftbefehl gegen die deutschen Fahnder. Gebracht hat es bisher nichts - ausser Schlagzeilen und Ärger. Die Deutschen nahmen und nehmen Lauber sein Vorpreschen sehr übel.

Die Schweizer Wanze

Aber welche Rolle spielen die Deutschen in dem verworrenen Fall? Sicher ist, auch ihr Haftbefehl wirft Fragen auf.

M. soll - so der Vorwurf - ab 2015 sogar einen Maulwurf im Ministerium von Norbert Walter-Borjans, Finanzminister von Nordrhein-Westfalen (NRW), installiert haben. Die Schweizer Wanze konnte aber bisher nicht identifiziert werden, heisst es. Sie wirkt demnach unerkannt weiter. Wirklich? Klaus-Dieter Matschke sagte am Donnerstag zur «Nordwestschweiz»: Den Maulwurf habe es gar nie gegeben. M. habe das nur erfunden, um seine Ausgaben zu rechtfertigen. Der Frankfurter Sicherheitsexperte und Ex-Jäger von Stasiagenten müsste es wissen, soll er M. doch bei der Sache behilflich gewesen sein.

Dass es den Maulwurf nicht gab, glaubt auch der Anwalt von M. in der Schweiz, Valentin Landmann. «Aber den Auftrag des NDB dafür, den gab es», wiederholte er am Freitag. Komisch an der Geschichte ist auch: Matschke, obwohl angeblich Helfer von M., ist nicht beschuldigt. «Ich wurde noch nicht mal einvernommen», sagt er. Daniel M. vom Spion zum Hochstapler?

Der Agentenkrimi hat jedenfalls eine abenteuerliche Besetzung: Da ist zum einen Daniel M., der im Bezirk Thal im Kanton Solothurn aufwuchs und eine KV-Lehre absolvierte. 1984 tauchte er bei der Zürcher Stadtpolizei auf, ab 2000 in einer Topposition bei der UBS. Er habe dort «direkt an den Vorstandsvorsitzenden berichtet», steht in einem Geheimdienstpapier. Also der Reihe nach an Marcel Ospel, Peter Wuffli, Marcel Rohner und zuletzt Oswald Grübel. M. habe das «Global Crisis Management Team» geleitet und sei «verantwortlich für alle Schutz- und Sicherheitsaspekte der Vorstandsmitglieder» gewesen. Ein Mann also, der in die intimsten Geheimnisse der Bank und ihrer Topmanager eingeweiht war.

2010 kam der Bruch mit der UBS. Oder doch nicht? M. tauchte bald erneut im UBS-Kontext auf. Laut «Tages-Anzeiger» wurde er - nunmehr selbstständigwerbender Detektiv - 2013 auf einen UBS-Banker angesetzt. Dieser stand im Verdacht, UBS-Kundendaten an NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans verkauft zu haben.

Die Sache mit dem Mauss

Einer der enttarnten UBS-Kunden war der legendäre deutsche Top-Agent Werner Mauss. Er steht derzeit wegen Steuerhinterziehung von rund 15 Millionen Euro vor Gericht in Bochum. Seit 1985 hatte er bei er UBS ein Geheimkonto, zuerst in Panama, dann in Liechtenstein. Mauss behauptet, die Millionen gehörten nicht ihm, er verwalte sie treuhänderisch als «internationale Reserve» für Staaten wie die USA, Israel, den Vatikan. Ein Geheimfonds, um Auslagen wie Geiselbefreiungen, Lösegeldzahlungen und andere «humanitäre Aktionen» zu zahlen. Klingt wie frei erfunden, bloss: Bernd Schmidbauer, einst Geheimdienstkoordinator von Bundeskanzler Helmut Kohl, bestätigte vor Gericht: Mauss verwalte in höherem Auftrag einen geheimen Fonds.

Mit Mauss, dem UBS-Grosskunden, bekam M. es 2014 zu tun. Angeblich hatten zwei NDB-Leute dem Mauss-Mitarbeiter Wilhelm Dietl gesagt, Daniel M. sei Kopf eines Netzes, das mit geklauten Bankdaten handle. Dietl nahm Kontakt mit M. auf, der lieferte ganze Datenpakete. Im Oktober 2014 kam es in Frankfurt zur Übergabe. Im Gegenzug erhielt M. 42,000 Euro. Ex-BND-Mann Dietl filmte den Vorgang mit versteckter Kamera.

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Aber die Ware, die M. verkaufte, war angeblich gefälscht. Das Dossier, das die BND-Leute über den Schweizer angefertigt hatten, landete bei der UBS. Diese zeigte ihren Ex-Angestellten 2015 bei Bundesanwalt Michael Lauber an.

Dieser schlug zu, verhaftete M. in Zürich wegen Wirtschaftsspionage. Der Solothurner sass mehrere Monate in Haft. Und geht es nach dem deutschen Haftbefehl, beschäftigte ihn der NDB weiter - «mindestens» bis Ende 2015.

Das Verfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft läuft noch. Angeblich - so der Partner von M., Klaus-Dieter Matschke - wartet Bern auf den Abschluss
des Mauss-Verfahrens in Bochum. «Die Verfahren hängen wohl zusammen.»

Es ist zwar auffällig, wie sich in diesem Krimi immer wieder Kreise schliessen. Doch sicher ist bis heute nur eines: Es gilt für alle die Unschuldsvermutung.

 

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