Verwahrung wegen einfacher Körperverletzung

26. März 2013

Un­mit­tel­bar nach­dem der Be­schul­dig­te von ei­nem Wirt we­gen ei­nes Strei­tes mit den Kell­ne­rin­nen aus dem Wirts­haus ge­wie­sen wor­den war, ver­wi­ckel­te er am 27. Au­gust 2009 abends den Au­to­mo­bi­lis­ten A beim Über­que­ren ei­nes Fuss­gän­ger­strei­fens in ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung. Als der nach­fol­gen­de Au­to­mo­bi­list B da­zwi­schen­trat und den Be­schul­dig­ten weg­schob, spür­te B et­was am Hals, wich re­flex­ar­tig zu­rück und sah erst jetzt das Ta­schen­mes­ser in der Hand des Be­schul­dig­ten. B er­litt ei­ne Haut­durch­tren­nung am Hals von 3,8 cm Län­ge, wel­che mit sechs Ein­zel­knopf­näh­ten hat ver­schlos­sen wer­den müs­sen.

Die Staats­an­walt­schaft des Kan­tons Ba­sel-Stadt klag­te den Be­schul­dig­ten un­ter an­de­rem we­gen ver­such­ter vor­sätz­li­cher Tö­tung an.

Das Straf­ge­richt Ba­sel-Stadt ver­ur­teil­te den Be­schul­dig­ten we­gen Ge­fähr­dung des Le­bens, ein­fa­cher Kör­per­ver­let­zung mit ei­nem ge­fähr­li­chen Ge­gen­stand, mehr­fa­cher Nö­ti­gung und mehr­fa­chen Kon­sums von Be­täu­bungs­mit­teln zu 5 Jah­ren Frei­heits­stra­fe.

Das Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt des Kan­tons Ba­sel-Stadt be­stä­tig­te auf Ap­pel­la­ti­on der Staats­an­walt­schaft das straf­ge­richt­li­che Ur­teil im Schuld- so­wie Straf­punkt und ver­wahr­te den Be­schul­dig­ten ge­mäss Art. 64 Abs. 1 lit. b StGB.

Der Be­schul­dig­te er­hob beim Bun­des­ge­richt Be­schwer­de in Straf­sa­chen mit dem An­trag, von ei­ner Ver­wah­rung ab­zu­se­hen. Er mach­te gel­tend, Art. 64 Abs. 1 StGB set­ze ne­ben ei­ner Ka­ta­log­tat vor­aus, dass der Tä­ter die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ei­ner an­de­ren Per­son schwer be­ein­träch­tigt hat oder be­ein­träch­ti­gen woll­te. Das Op­fer B ha­be ob­jek­tiv wie sub­jek­tiv kei­ne schwe­re Be­ein­träch­ti­gung er­lit­ten. An­ders als die Vor­in­stanz ha­be das Straf­ge­richt ei­ne Ver­wah­rung zu Recht als un­ver­hält­nis­mäs­sig an­ge­se­hen.

Das Bun­des­ge­richt wies die Be­schwer­de ab.

Im Zu­sam­men­hang mit der In­itia­ti­ve «Le­bens­lan­ge Ver­wah­rung für nicht the­ra­pier­ba­re, ex­trem ge­fähr­li­che Se­xu­al- und Ge­waltstraf­tä­ter» wur­de mit der Bot­schaft zur Än­de­rung des Schwei­ze­ri­schen Straf­ge­setz­bu­ches vom 23. No­vem­ber 2005 auch die «nor­ma­le» Ver­wah­rung neu ge­re­gelt, ins­be­son­de­re wur­de als An­lass­tat für ei­ne Ver­wah­rung ein mit ei­ner Höchst­stra­fe von min­des­tens fünf Jah­ren (an­statt wie bis­her zehn Jah­ren) be­droh­tes Ver­bre­chen vor­ge­se­hen. Die AG «Ver­wah­rung» schlug in ih­rem Be­richt vor, zur Cha­rak­te­ri­sie­rung der Ge­fähr­lich­keit des Tä­ters den Ak­zent haupt­säch­lich auf die Pro­gno­se zu ver­la­gern und die Schwe­re der An­lass­tat als In­diz für die Ge­fähr­lich­keit in den Hin­ter­grund tre­ten zu las­sen. Nach Kri­tik in der Ver­nehm­las­sung ist der Bun­des­rat aber be­wusst von die­sem Vor­schlag ab­ge­wi­chen. Ge­mäss Bot­schaft (Sei­te 4708) sol­len nur schwe­re For­men die­ser An­lassta­ten zu ei­ner Ver­wah­rung füh­ren, was durch ein Zu­satz­kri­te­ri­um mit der an das Op­fer­hil­fe­ge­setz an­ge­lehn­ten For­mu­lie­rung «durch die er die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ei­ner an­dern Per­son schwer be­ein­träch­tigt hat oder be­ein­träch­ti­gen woll­te» zum Aus­druck kommt. Die Ma­xi­mal­stra­fe für «Ge­fähr­dung des Le­bens» be­trägt fünf Jah­re, vor der Än­de­rung des Straf­ge­setz­bu­ches wä­re kei­ne Ver­wah­rung mög­lich ge­we­sen.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist Kri­tik am Ur­teil an­ge­bracht:

  • In Er­wä­gung 1.4 fol­gert das Ge­richt: «Nach Fest­stel­lun­gen des Straf­ge­richts, auf wel­che die Vor­in­stanz ver­weist, han­del­te der Be­schwer­de­füh­rer aus ab­so­lut nich­ti­gem An­lass äus­serst ge­walt­tä­tig. Es hät­te je­de zu­fäl­lig sei­nen Weg kreu­zen­de Per­son tref­fen kön­nen.» Das Straf­ge­richt stell­te aber fest, dass das Op­fer B zwi­schen den Be­schul­dig­ten und A trat und den Be­schul­dig­ten weg­schob. Von ei­nem ab­so­lut nich­ti­gen An­lass kann kei­ne Re­de sein, viel mehr hat das Op­fer ak­tiv ein­ge­grif­fen. Da­her ist auch un­zu­tref­fend, dass es je­de zu­fäl­lig den Weg kreu­zen­de Per­son hät­te tref­fen kön­nen. Zu­dem wird un­ter «äus­serst ge­walt­tä­tig» et­wa ver­stan­den, dass ein Tä­ter sei­nen An­griff fort­setzt, auch wenn das Op­fer be­reits wehr­los am Bo­den liegt.

  • Eben­falls in Er­wä­gung 1.4 kommt das Bun­des­ge­richt auf aben­teu­er­li­che Wei­se zum Schluss, dass der Zu­satz «durch die er die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ei­ner an­dern Per­son schwer be­ein­träch­tigt hat oder be­ein­träch­ti­gen woll­te» im Ge­set­zes­text nicht mass­ge­bend sei. Wört­lich: «Für die Ver­wah­rung letzt­lich auf ei­ne un­ge­wöhn­lich ro­bus­te psy­chi­sche Kon­sti­tu­ti­on oder auf die "Emp­find­lich­keit" des Op­fers ab­zu­stel­len, wi­der­spricht Sinn und Zweck von Art. 64 StGB.». In der Bot­schaft vom 29. Ju­ni 2005 steht aber klar: «Der Bun­des­rat ver­zich­tet we­der auf ei­nen Ka­ta­log der wich­tigs­ten An­lassta­ten, noch wei­tet er die­se auch auf Ver­ge­hen aus. Er schlägt aber so­wohl ei­ne Er­wei­te­rung wie ei­ne Ein­schrän­kung der Auf­fang­klau­sel, die den An­lassta­ten­kat­log er­gänzt, vor. So sol­len als An­lassta­ten für die Ver­wah­rung ne­ben den auf­ge­zähl­ten De­lik­ten nicht nur Ver­bre­chen ge­nü­gen, die mit ei­ner Höchst­stra­fe von min­des­tens 10 Jah­ren be­droht sind, son­dern schon sol­che, die mit ei­ner Höchst­stra­fe von min­des­tens 5 Jah­ren be­droht sind. Um die­se Öff­nung in Gren­zen zu hal­ten, wird die Klau­sel an­der­seits auf Ver­bre­chen ein­ge­schränkt, mit de­nen die Tä­ter die phy­si­sche, psy­chi­sche oder se­xu­el­le In­te­gri­tät ih­rer Op­fer schwer be­ein­träch­tig­ten oder be­ein­träch­ti­gen woll­ten.»

Im End­ef­fekt er­gibt sich, dass der Be­schul­dig­te we­gen ei­ner ein­fa­chen Kör­per­ver­let­zung, wel­che oben­drein vom Op­fer pro­vo­ziert wur­de, ver­wahrt wird.

 

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