Netzsperren - weg vom falschen Weg

22. September 2017

Flo­rent Thouve­nin, in­si­de-it.ch

Der Zür­cher Pro­fes­sor für In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht Flo­rent Thouve­nin ar­gu­men­tiert in der neu­en Ko­lum­ne DSI In­sights ge­gen Netz­sper­ren, weil sie auch zen­tra­le Grund­rech­te ver­let­zen.

Noch füh­ren die eid­ge­nös­si­schen Rä­te ein Nach­ge­plän­kel im Rah­men der Dif­fe­renz­ber­ei­ni­gung, doch der Grund­satz­ent­scheid ist ge­fal­len: erst­mals sol­len in der Schweiz auf Ge­set­zes­stu­fe Netz­sper­ren ein­ge­führt wer­den. In die Pflicht ge­nom­men wer­den die In­ter­net Ser­vice Pro­vi­der (ISP), die mit ge­eig­ne­ten Mass­nah­men ver­hin­dern sol­len, dass ih­re Kun­den auf die Sei­ten von aus­län­di­schen Geld­spiel­an­bie­tern zu­grei­fen. Da­mit zeich­net sich ein Damm­bruch ab: So­wohl im Fern­mel­de­ge­setz als auch im Ur­he­ber­recht steigt der po­li­ti­sche Druck zur Ein­füh­rung von Netz­sper­ren - wei­te­re Be­rei­che könn­ten fol­gen. Im Ur­he­ber­recht ist der ers­te An­griff auf das freie In­ter­net zwar ab­ge­wehrt wor­den, doch die Ge­fahr der Ein­füh­rung von Netz­sper­ren bleibt be­ste­hen. Die Schweiz folgt da­mit ei­nem Weg, den auch an­de­re Staa­ten be­schrei­ten - was aber nicht heisst, dass die­ser Weg der rich­ti­ge ist.

Wohl­ge­merkt: dass der Zu­gang zu be­stimm­ten In­hal­ten auf dem In­ter­net ge­sperrt wird, ist nicht neu und auch nicht in je­dem Fall falsch. Netz­sper­ren wer­den von schwei­ze­ri­schen ISP schon seit Jah­ren auf Ver­an­las­sung der Be­hör­den ein­ge­setzt, na­ment­lich um den Zu­gang zu Kin­der­por­no­gra­phie zu un­ter­bin­den. Es han­delt sich hier aber um die Ver­hin­de­rung des Zu­griffs auf Ma­te­ri­al, das als sol­ches straf­recht­lich re­le­vant ist und bei dem nicht nur das An­bie­ten, son­dern auch das Kon­su­mie­ren ver­bo­ten ist. In an­de­ren Fäl­len ist die Sach­la­ge kom­ple­xer und schafft Kon­flik­te mit Grund­rech­ten und Wi­der­sprü­che, die nicht halt­bar sind.

Man könn­te na­tür­lich rein tech­nisch ge­gen Netz­sper­ren ar­gu­men­tie­ren: Sie nüt­zen (fast) nichts. Die gän­gi­gen Ver­fah­ren - man blo­ckiert die IP-Adres­se, greift in den Pro­zess der Na­mens­auf­lö­sung zwi­schen An­fra­gen­dem und DNS-Ser­ver ein oder ver­wen­det Ap­pli­ka­ti­ons­fil­ter oder Pro­xy-Ser­vern - ha­ben al­le ih­re Tü­cken. Sie tra­gen ei­ner­seits das Ri­si­ko des Over­blo­cking (man ver­hin­dert auch rechts­mäs­si­ge Zu­gän­ge) in sich und las­sen sich an­de­rer­seits selbst von tech­nisch kaum ver­sier­ten Nut­zern leicht um­ge­hen. So ken­nen bspw. vie­le In­ter­net­nut­zer VPN als In­stru­ment, um ei­nen Zu­griff auf be­lie­bi­ge IP-Adres­sen aus ei­ner an­de­ren lo­gi­schen Lo­ka­ti­on her­aus zu er­lau­ben. Und auch An­ony­mi­sie­rungs-Tools wie TOR fin­den zu­neh­men­de Ver­brei­tung. Und da zu­sätz­lich die Zahl von ver­schlüs­sel­ten Web-Sei­ten steigt, auf die nur über "https" zu­ge­grif­fen wer­den kann, sind Ap­pli­ka­ti­ons­fil­ter und Pro­xy-Ser­ver eben­falls prak­tisch wir­kungs­los.

Dass Netz­sper­ren prak­tisch nutz­los sind, ist aber nicht der Haupt­grund, der ge­gen sie spricht. Viel­mehr tan­gie­ren Netz­sper­ren zen­tra­le Grund­rech­te, was am Bei­spiel des Ur­he­ber­rechts ge­zeigt wer­den kann.

Der Wunsch nach Netz­sper­ren im Ur­he­ber­recht ist be­kannt: Das In­ter­net hat es enorm er­leich­tert, ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­te Mu­sik, Bil­der oder Fil­me zu ver­brei­ten. Die ein­zel­ne Rechts­ver­let­zung stif­tet in der Re­gel le­dig­lich ei­nen mar­gi­na­len Scha­den, der nur ei­nen Bruch­teil der Kos­ten ei­ner all­fäl­li­gen Rechts­durch­set­zung aus­macht. Es ist die Sum­me der Rechts­ver­let­zun­gen, die zu mass­geb­li­chen Um­satz­ein­bus­sen füh­ren kann. Ei­ne Sper­re von Web-Sei­te, auf de­nen ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­te Wer­ke oh­ne Zu­stim­mung der Rech­te­inha­ber zu­gäng­lich ge­macht wer­den, er­scheint hier als ef­fi­zi­en­ter Weg, um das Pro­blem in den Griff zu be­kom­men.

Die­sem Wunsch ste­hen aber grund­recht­li­che Be­den­ken ge­gen­über. Die fort­schrei­ten­de Di­gi­ta­li­sie­rung von ge­sell­schaft­li­chen und wirt­schaft­li­chen Pro­zes­sen schafft ei­ne zu­neh­men­de Ab­hän­gig­keit die­ser Pro­zes­se von der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­in­fra­struk­tur. Staat­li­che Be­schrän­kun­gen des Zu­gangs zur IT-In­fra­struk­tur sind des­halb in ho­hem Mas­se grund­rechts­re­le­vant, selbst wenn die­se die freie Kom­mu­ni­ka­ti­on im en­ge­ren Sinn un­an­ge­tas­tet las­sen und "nur" den Da­ten­ver­kehr be­tref­fen.

Be­trof­fen sind in ers­ter Li­nie die Grund­rech­te der In­for­ma­ti­ons­frei­heit und der Mei­nungs- und Me­di­en­frei­heit, wenn Netz­sper­ren den Zu­griff auf Wer­ke ver­hin­dern oder zu­min­dest er­schwe­ren, die auf der ge­sperr­ten Web-Sei­te zu­gäng­lich ge­macht wur­den. Be­trof­fen ist zu­dem die Wirt­schafts­frei­heit, weil Netz­sper­ren die zu de­ren Ein­satz ver­pflich­te­ten ISP di­rekt in ih­ren recht­li­chen Be­fug­nis­sen zur Aus­übung ih­rer Tä­tig­keit ein­schrän­ken. Be­trof­fen sind aber auch die Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en, ins­be­son­de­re das recht­li­che Ge­hör. So er­scheint es als pro­ble­ma­tisch, ei­ne Sper­rung zu ver­fü­gen, be­vor In­hal­te­an­bie­ter und ISP da­zu Stel­lung neh­men konn­ten.

Zen­tral ist schliess­lich ei­ne Be­son­der­heit des schwei­ze­ri­schen Ur­he­ber­rechts: Im Un­ter­schied zu den meis­ten an­de­ren Län­dern ist der sog. "Down­load aus il­le­ga­ler Quel­le" nach hier herr­schen­der Auf­fas­sung zu­läs­sig, so­fern er zum Pri­vat­ge­brauch er­folgt. Das­sel­be gilt für das Strea­men von ur­he­ber­recht­lich ge­schütz­ten Wer­ken. Der Ge­setz­ge­ber kann nun nicht an der (recht­li­chen) Zu­läs­sig­keit des Down­loads und Strea­mens aus il­le­ga­ler Quel­le fest­hal­ten und gleich­zei­tig ei­ne Re­ge­lung ein­füh­ren, um eben­die­se Tä­tig­kei­ten mit­hil­fe von Netz­sper­ren (tat­säch­lich) zu ver­hin­dern. Denn was recht­lich er­laubt ist, darf vom Ge­setz­ge­ber nicht fak­tisch ver­hin­dert wer­den. Die­ser fun­da­men­ta­le Wi­der­spruch lies­se sich nur auf­lö­sen, wenn der zu­läs­si­ge Pri­vat­ge­brauch stark ein­ge­schränkt wür­de. Und da­für scheint sich in der Schweiz nie­mand stark ma­chen zu wol­len.

Zu­sam­men­ge­fasst zeigt sich da­mit: Netz­sper­ren er­schei­nen im Lich­te des heu­ti­gen Stands der Tech­nik (Um­ge­hungs­mög­lich­kei­ten), we­gen ih­rer in­di­rek­ten Wir­kung (Adres­sie­rung von ISP), auf­grund der po­ten­zi­ell be­droh­ten, teil­wei­se über­ra­gen­den Rechts­gü­ter (Grund­rech­te) und als Fol­ge des kaum ein­wand­frei aus­ge­stalt­ba­ren Rechts­schut­zes (recht­li­ches Ge­hör) als un­ver­hält­nis­mäs­sig. Im Fall des Ur­he­ber­rechts han­delt man sich zu­dem ei­nen grund­le­gen­den Wi­der­spruch mit der gel­ten­den Rechts­la­ge beim Pri­vat­ge­brauch ein. Es bleibt des­halb zu hof­fen, dass die eid­ge­nös­si­schen Rä­te dies er­ken­nen und den fal­schen Weg, der mit dem Geld­spiel­ge­setz ein­ge­schla­gen wur­de, bei nächs­ter Ge­le­gen­heit wie­der ver­las­sen. (Flo­rent Thouve­nin)

Flo­rent Thouve­nin ist Pro­fes­sor für In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht an der Uni­ver­si­tät Zü­rich, Vor­sit­zen­der des Lei­tungs­aus­schus­ses des Cen­ter for In­for­ma­ti­on Tech­no­lo­gy, So­cie­ty, and Law (ITSL) und ei­ner der vier Di­rek­to­ren der UZH Di­gi­tal So­cie­ty In­itia­ti­ve.

 

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