Parlamentarier wollen geheimes Grenzkontrollprogramm stoppen

2. Februar 2013

Aus­län­der aus po­ten­zi­ell ge­fähr­li­chen Staa­ten wer­den beim Grenz­über­tritt fi­chiert. Laut der Auf­sicht über den Ge­heim­dienst bringt das viel Auf­wand und we­nig Er­trag.

Von Fa­bi­an Renz, Bern (Ta­ges An­zei­ger)

Auf ei­ner streng ver­trau­li­chen Lis­te ist ver­merkt, wel­chen Staa­ten der Nach­rich­ten­dienst des Bun­des (NDB) ein er­höh­tes Be­dro­hungs­po­ten­zi­al zu­schreibt. Frü­her wur­den An­ge­hö­ri­ge die­ser Län­der au­to­ma­tisch vom prä­ven­ti­ven Fahn­dungs­pro­gramm Fo­to­pass er­fasst und in der Staats­schutz­kar­tei ISIS ein­ge­tra­gen, wenn sie die Schwei­zer Gren­ze über­quer­ten. Nach Rü­gen aus dem Par­la­ment hat der Bun­des­rat das Pro­gramm 2010 ge­stoppt.

Letz­tes Jahr in­des wur­de die Fo­to­pass­pra­xis in mo­di­fi­zier­ter Form wie­der auf­ge­nom­men. Neu wer­den die be­trof­fe­nen Aus­län­der in ei­nem se­pa­ra­ten Mo­dul na­mens P4 re­gis­triert, dem «Pro­gram­me de Preven­ti­on Con­trö­le des Pas­se­ports». An­ders als bei ISIS darf ein Grenz­gän­ger bei P4 grund­sätz­lich nach­fra­gen, ob er ver­zeich­net ist. Über­dies wer­den P4-Da­ten nach fünf Jah­ren ge­löscht. Zen­tra­ler Kri­tik ge­gen­über Fo­to­pass wur­de da­mit Rech­nung ge­tra­gen.

Doch nun wird auch P4 grund­le­gend in­fra­ge ge­stellt, und zwar von der par­la­men­ta­ri­schen Ober­auf­sicht über den Nach­rich­ten­dienst. Die Er­fas­sung von Jähr­lich über 100,000 Grenz­über­trit­ten ver­ur­sa­che ei­nen «sub­stan­zi­el­len Auf­wand», schreibt die Ge­schäfts­prü­fungs­de­le­ga­ti­on (GPDel) in ih­rem ak­tu­el­len Jah­res­be­richt. Da­bei hät­ten «über 99 Pro­zent der be­ar­bei­te­ten In­for­ma­tio­nen letz­ten En­des kei­ne Re­le­vanz für die Si­cher­heit der Schweiz».

Kri­tik bei Mau­rer de­po­niert

Die kon­kre­te Hö­he der mo­nier­ten Kos­ten ist ge­heim. Für den ein­ge­weih­ten Vi­ze­prä­si­den­ten der GPDel, Stän­de­rat Paul Nie­der­ber­ger (CVP, NW), ste­hen Auf­wand und Er­trag aber in «kei­nem ver­nünf­ti­gen Ver­hält­nis», wie er ge­gen­über dem «Ta­ges An­zei­ger» fest­hält. Die GPDel ha­be das auch dem Vor­ste­her des Ver­tei­di­gungs­de­par­te­ments mit­ge­teilt. Die Neu­auf­la­ge des Fo­to­pass­pro­gramms sei sinn­vol­ler­wei­se wie­der zu stop­pen, sagt Nie­der­ber­ger.

Ob Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ue­li Mau­rer (SVP) die For­de­rung be­fol­gen will, war ges­tern nicht in Er­fah­rung zu brin­gen. Soll­te er dar­auf ein­stei­gen, wür­den die Schwei­zer Gren­zen wohl nicht schutz­los. Um an die Pass­da­ten von Ein­rei­sen­den zu ge­lan­gen, kön­ne der NDB auf das Vi­su­min­for­ma­ti­ons­sys­tem von Schen­gen zu­grei­fen, schreibt die GPDel. Die­ses ent­hal­te in­klu­si­ve Pass­fo­to die An­ga­ben zu sämt­li­chen Per­so­nen, die ein Schen­gen­vi­sum be­an­tragt hät­ten. Und ei­ne Vi­sumspt­licht be­ste­he für na­he­zu al­le Aus­län­der, die heu­te im P4-Sys­tem re­gis­triert wür­den.

NDB kann­te sei­ne Rech­te nicht

Be­mer­kens­wert ist, dass man im NDB bis vor kur­zem of­fen­bar nichts von die­ser Mög­lich­keit wuss­te. Dies geht aus ei­ner Epi­so­de vom 25. April 2012 her­vor, die im GPDel-Be­richt ge­schil­dert wird. An die­sem Tag be­such­te die GPDel dem­nach den NDB und woll­te sich un­ter an­de­rem de­mons­trie­ren las­sen, wie das Zen­tra­le Mi­gra­ti­ons­sys­tem (Ze­mis) ge­nutzt wird: Über Ze­mis kön­nen on­line Fo­tos und Da­ten aus der Schen­gen·Da­ten­bank be­zo­gen wer­den. Doch den NDB·Mit­ar­bei­ten­den sei gar nicht be­wusst ge­we­sen, «dass sie Zu­griff auf sol­che Per­so­nen­da­ten und Pass­bil­der via Ze­mis hat­ten». Die GPDel liess in der Fol­ge die recht­li­che Si­tua­ti­on ge­nau­er ab­klä­ren. Ein Schrei­ben von NDB-Di­rek­tor Mar­kus Sei­ler brach­te im Ju­ni schliess­lich Klar­heit: Der NDB ver­fügt über Ze­mis-Zu­griffs­recht. Zwar kann er on­line bloss je­ne Per­so­nen er­fra­gen, die ihr Schen­gen-Vi­sum bei ei­ner Schwei­zer Stel­le be­an­trag­ten. Die von an­de­ren Staa­ten ein­ge­speis­ten In­for­ma­tio­nen er­hal­ten die Ge­heim­dienst­ler auf be­grün­de­te An­fra­ge hin aber vom Bun­des­amt für Po­li­zei.

Rückt die Epi­so­de vom April den NDB nicht in ein un­vor­teil­haf­tes Licht? Nein, meint GPDel-Vi­ze Nie­der­ber­ger: «Man soll­te das nicht über­be­wer­ten. Ich ha­be den Ein­druck, dass der NDB kom­pe­tent ar­bei­tet.»

Ge­heim­da­ten­bank: Ver­däch­ti­ge er­hal­ten Aus­kunft

Der Ge­heim­dienst ist et­was trans­pa­ren­ter ge­wor­den, Dies be­trifft ins­be­son­de­re die Staats­schutz­da­tei ISIS: Wie die par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­prü­fungs­de­le­ga­ti­on (GPDel) schreibt, wur­de vor ei­ni­gen Mo­na­ten ein di­rek­tes Ein­sichts­recht für das Sys­tem ISIS02 ge­schaf­fen, Die­ses bil­det ei­ne Art Auf­fang­be­cken des Haupt­sys­tems ISIS01„ des­sen Ein­trä­ge staats­schutz­re­le­vant und da­mit ge­heim sind. Wird ein Ver­dacht ent­kräf­tet, dann wan­dert das be­tref­fen­de Dos­sier in­klu­si­ve ent­las­ten­dem Be­richt von ISIS01 in ISIS02 (wo sonst vor al­lem so­ge­nann­te Ver­wal­tungs­da­ten ge­spei­chert sind). Die ge­naue Zahl die­ser «ent­schärf­ten» Dos­siers ist nicht be­kannt. Wie der Nach­rich­ten­dienst des Bun­des (NDB) auf An­fra­ge mit­teilt, fal­len jähr­lich «we­ni­ger als 10 ent­las­ten­de Be­rich­te an». Die be­tref­fen­den Per­so­nen je­den­falls könn­ten heu­te mit ei­nem An­trag in Er­fah­rung brin­gen, wo­für sie einst ver­däch­tigt wur­den, Laut NDB sind seit Juii 2012, als die neu­en Aus­kunfts­re­geln in Kraft ge­tre­ten wa­ren. 24 Ein­sichts­be­geh­ren ein­ge­gan­gen. Nur ei­ner der Ge­such­stel­ler war aber tat­säch­lich in ISIS02 re­gis­triert. Der NDB lie­fert kei­ne wei­te­ren An­ga­ben zu die­sem Fall, ISIS02 heisst im Üb­ri­gen be­reits nicht mehr so, son­dern wur­de un­längst in ein Ge­schafts­ver­wal­tungs­sys­tem über­führt.

 

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