Polizisten kaum bestraft - Update

14. Mai 2013

Vor 6 Jah­ren kri­ti­sier­te Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal die man­gel­haf­te Straf­ver­fol­gung von fehl­ba­ren Po­li­zis­ten in der Schweiz. Ge­mäss dem da­ma­li­gen Be­richt «Po­li­zei, Jus­tiz und Men­schen­rech­te» wer­den Po­li­zis­ten, wel­che in der Schweiz Men­schen­rech­te ver­let­zen, häu­fig nicht straf­recht­lich ver­folgt. «In den meis­ten Fäl­len blie­ben die Ver­ant­wort­li­chen die­ser Ver­let­zun­gen straf­los.» Die fehl­ba­ren Po­li­zei­be­am­ten sei­en fast nie be­straft wor­den, weil es kei­ne un­ab­hän­gi­ge und um­fas­sen­de Un­ter­su­chung ge­ge­ben ha­be, er­klär­te da­mals De­ni­se Graf, Ju­ris­tin bei der Schwei­zer Sek­ti­on von AI.

Zwei­ein­halb Jah­re spä­ter, am 10. No­vem­ber 2009, wur­den meh­re­re Po­li­zei­be­am­te der Re­gio­nal­po­li­zei Obe­res Frick­tal auf­grund ei­ner Mel­dung we­gen häus­li­cher Ge­walt mit Sui­zidan­dro­hung durch ei­nen be­waff­ne­ten Mann zum Ein­satz auf­ge­bo­ten. Nach dem Ein­tref­fen der Po­li­zei und ver­ba­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen flüch­te­te der Ver­däch­ti­ge mit ei­nem Mes­ser in der Hand. Der Po­li­zei­be­am­te Y schoss nach wie­der­hol­ten Warn­ru­fen auf des­sen Bei­ne, oh­ne das Ziel zu tref­fen. Der Po­li­zei­be­am­te B sprüh­te ihm zu­dem Pfef­fer­spray ins Ge­sicht, was eben­falls oh­ne Wir­kung blieb. Der Ver­däch­ti­ge rann­te dar­auf­hin über die Wie­se auf die Stras­se in Rich­tung Dorf­zen­trum, wo­bei er von Y und ei­nem wei­te­ren Be­am­ten zu Fuss und von B und ei­ner wei­te­ren Po­li­zis­tin in ih­rem zi­vi­len Po­li­zei­fahr­zeug ver­folgt wur­de. Da sich der Ab­stand ste­tig ver­grös­ser­te, knie­te sich Y nie­der und gab mit sei­ner Ma­schi­nen­pis­to­le ei­nen Schuss auf die Bei­ne des Flüch­ten­den ab. Die­ser sank dar­auf­hin zu Bo­den und warf das Mes­ser weg.

Der Schuss traf den Ver­däch­ti­gen im Un­ter­leib, wo­bei der Schuss­ka­nal von der rech­ten Ge­säss­hälf­te quer durch das Be­cken bis in den lin­ken, obe­ren Scham­bein­ast ver­lief, wo das Pro­jek­til im Kno­chen ste­cken blieb. Der Ver­däch­ti­ge er­litt durch die Schuss­ver­let­zung ei­ne Be­cken­ver­let­zung mit zwei­fa­chem Durch­schuss des End­darms, Durch­schuss der Pro­sta­ta, Durch­tren­nung der Harn­röh­re und Bruch des Scham­bein­as­tes links und schweb­te auf­grund der in­ne­ren Blu­tun­gen zeit­wei­se in un­mit­tel­ba­rer Le­bens­ge­fahr.

Ge­stützt auf die­sen Sach­ver­halt er­hob die Staats­an­walt­schaft Rhein­fel­den-Lau­fen­burg (vor­mals Staats­an­walt­schaft des Kan­tons Aar­gau) An­kla­ge ge­gen Y we­gen schwe­rer Kör­per­ver­let­zung. Der Ver­däch­ti­ge wur­de am 5. Mai 2011 vom Be­zirks­ge­richt Lau­fen­burg we­gen Ge­walt und Dro­hung ge­gen Be­hör­den und Be­am­te ge­mäss Art. 285 Ziff. 1 StGB zu ei­ner Geld­stra­fe von 40 Ta­ges­sät­zen zu 40 Fran­ken mit be­ding­tem Straf­voll­zug bei ei­ner Pro­be­zeit von 2 Jah­ren, ver­ur­teilt. Das glei­che Ge­richt sprach Y mit Ur­teil vom glei­chen Da­tum frei. Das Ober­ge­richt des Kan­tons Aar­gau wies die Be­ru­fung ge­gen den Frei­spruch von Y mit Ur­teil vom 5. Ju­li 2012 ab. Am 2. Mai 2013 hat das Bun­des­ge­richt in Gut­heis­sung ei­ner Be­schwer­de den Frei­spruch von Y auf­ge­ho­ben und die Sa­che zur an­ge­mes­se­nen Be­stra­fung von Y an das Ober­ge­richt des Kan­tons Aar­gau zu­rück­ge­wie­sen.

Die Be­grün­dung des Ober­ge­richts des Kan­tons Aar­gau für den Frei­spruch wur­de vom Bun­des­ge­richt rich­tig­ge­hend zer­pflückt. In Er­wä­gung 3 schreibt es: «Die kan­to­na­len In­stan­zen neh­men zu Recht an, Y ha­be den Ver­däch­ti­gen durch den Ein­satz sei­ner Schuss­waf­fe schwer ver­letzt und da­mit den Tat­be­stand von Art. 122 StGB er­füllt. Frag­lich ist, ob sein Ver­hal­ten im Sin­ne von Art. 14 StGB ge­recht­fer­tigt war. Ent­schei­dend hie­für ist zu­nächst, ob im Zeit­punkt der Schuss­ab­ga­be vom Ver­däch­ti­gen ei­ne ge­gen­wär­ti­ge er­heb­li­che bzw. ei­ne nur zum Zeit­punkt der Schuss­ab­ga­be si­cher ab­wend­ba­re Ge­fahr vor­lag. Dies wird von den kan­to­na­len In­stan­zen zu Un­recht be­jaht. Nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen ist auf­grund der kon­kre­ten Um­stän­de nicht er­sicht­lich, dass bei dem vor den Po­li­zis­ten da­von­lau­fen­den Ver­däch­ti­gen die Wahr­schein­lich­keit der Be­dro­hung von Dritt­per­so­nen be­stand. Das er­gibt sich schon dar­aus, dass nach den tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen we­der auf der C-Stras­se noch in den in ei­nem Ab­stand von 30-50 Me­ter an die Stras­se an­gren­zen­den Vor­gär­ten Per­so­nen in Sicht wa­ren und dass das Dorf­zen­trum und die Schu­le et­wa 800 Me­ter ent­fernt wa­ren. Dar­an än­dert nichts, dass nach Auf­fas­sung der Vor­in­stanz ei­ne ver­stän­di­ge Per­son da­von ha­be aus­ge­hen müs­sen, dass je­der­zeit je­mand aus ei­nem Wohn­haus her­aus in den Vor­gar­ten oder auf die Stras­se hät­te tre­ten kön­nen. Die­se blos­se ent­fern­te Mög­lich­keit be­grün­det kei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Ge­fahr ei­nes schä­di­gen­den Er­eig­nis­ses. Aus­ser­dem bil­de­te den Aus­gangs­punkt der Si­tua­ti­on die Be­zie­hungs­pro­ble­ma­tik des Ver­däch­ti­gen und sei­ner Freun­din. Selbst wenn die Po­li­zei­be­am­ten von ei­ner Be­dro­hung der Freun­din und ih­rer An­ge­hö­ri­gen aus­ge­hen durf­ten, lässt sich nicht oh­ne wei­te­res an­neh­men, es ha­be für nicht in den Be­zie­hungs­kon­flikt in­vol­vier­te Dritt­per­so­nen, auf wel­che der Ver­däch­ti­gen all­fäl­lig hät­te tref­fen kön­nen, ei­ne un­mit­tel­bar dro­hen­de Ge­fahr be­stan­den. Aus­ser­dem führt die Vor­in­stanz nicht aus, wor­in die­se Ge­fahr hät­te be­ste­hen sol­len.»

Die trau­ri­ge Er­kennt­nis: Un­te­re und obe­re Ge­rich­te der Kan­to­ne spre­chen Po­li­zei­be­am­te auch bei klars­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen im­mer noch frei. Wenn aus­nahms­wei­se ein Be­weis­vi­deo vor­liegt wie bei ei­ner Ver­haf­tung am 3. Ju­ni 2013 in Lu­zern, ist die Stra­fe mi­nim. Auch für die Tö­tung ei­ner un­be­waff­ne­ten Per­son gibt es nur ei­ne be­ding­te Stra­fe.

 

Webauftritt gestaltet mit YAML (CSS Framework), Contao 3.5.27 (Content Management System) und PHPList (Newsletter Engine)

Copyright © 2006-2025 by grundrechte.ch